Geburtshilfe in Thüringen

Die Karte zeigt die gesamte verfügbare klinische Geburtshilfe in Thüringen – und ebenfalls Geburtsstationen, die seit 1997 geschlossen haben (rote Rauten). 1994 gab es in Thüringen 34 Geburtskliniken, heute nur noch 24 – das entspricht einem Rückgang von über 30% in 20 Jahren. Die zuletzt geschlossene Station ist Schmalkalden (MDR). Der Grund: Hebammenmangel. Vier Hebammen leisteten auf Honorarbasis Geburtshilfe. In einer Festanstellung hätten sie weitergemacht – aber dafür wären vier weitere Hebammen notwendig gewesen, um die Arbeitszeitregelung einzuhalten (!). Diese vier Hebammen fanden sich nicht.

Liegt es daran, dass zu wenig Hebammen ausgebildet werden? Oder ist ein weiterer wichtiger Grund, dass die Arbeitsbedingungen von Hebammen auch in den Kliniken so schlecht sind, dass Frauen nach der Ausbildung diesen Beruf verlassen?

Die Frauen aus Schmalkalden müssen nun mit Geburtswehen und in Notfällen in das 30 Minuten entfernte Klinikum in Bad Salzungen fahren. Es gibt weitere Orte in Thüringen, von denen aus Geburtshilfe nicht unter 30 Minuten erreichbar ist, wie Neuhaus am Rennweg. Und von Ilmenau, Bleicherode und Bad Frankenhausen aus sind über 20 Minunten Anfahrtsweg erforderlich.

Anfahrtswege von über 20 Minuten erhöhen die Säuglingssterblichkeit und Wahrscheinlichkeit einer Verlegung auf die Kinderintensivstation [1]. Frauen und Kinder werden in einigen Regionen Thüringens systematisch benachteiligt: Sie haben aufgrund ihres Wohnortes erhöhte Komplikationswahrscheinlichkeiten während der Geburt.

Die Bundesregierung sieht jedoch keine Probleme. Erst letzte Woche argumentierte Bettina Müller, Mitglied des Bundestags der SPD, dass es in Deutschland eine flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfe gibt (Plenarprotokoll, ab Seite 110).

[1] Ravelli et al., Travel time from home to hospital and adverse perinatal outcomes in women at term in the Netherlands, BJOG 118 (2011), 457–465.