Presseinformation (HU.de) – Änderungen für Hebammen möglich

Dormagen/Berlin, den 03.05.2014 – Im Kampf um den Erhalt der Hebammenarbeit bewegt sich etwas: Ein Treffen zwischen Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, Bianca Kasting (Initiatorin der change.org-Petition) und Sandra Grimm (Gründungsmitglied der Elterninitiative „Hebammen-Unterstützung.de“) gibt Anlass zu verhaltenem Optimismus. „Die Vorschläge von Hermann Gröhe zeigen, dass das Engagement der Eltern, Interessierten und Hebammen in den vergangenen Wochen nicht auf vollständig unfruchtbaren Boden gefallen sind.“, fasst Sandra Grimm das gestrige Treffen in Dormagen zusammen. „Doch solange nicht alle Forderungen erfüllt sind, werden wir weiter für unser Recht kämpfen, die Umstände der Geburten unserer Kinder zu bestimmen. Denn unsere Kinder haben einen guten Start verdient.“

Gesetzesänderungen geplant

Der von Gröhe vorgeschlagene Sicherstellungszuschlag soll vor allem Hebammen mit niedriger Geburtenzahl zu Gute kommen. Dadurch würden die Versicherungsbeiträge für Hebammen wieder leistbar. Ländliche Regionen sollen davon profitieren und eine flächendeckende Hebammenhilfe sichern. Gröhe ließ im Gespräch allerdings offen, ob trotzdem eine Mindestgeburtenrate gefordert würde.

Eine solche erachten die Elterninitiativen (Hebammenunterstützung, Happy Birthday, Human Rights in Childbrith, Mehr Gesundheit, Bürgerinitiative Diepholz und Rabeneltern) nicht als zielführend, da hiermit die sicherste Betreuung von Mutter und Kind, die 1:1-Betreuung durch eine Hebamme, nicht sichergestellt werden kann. Wir weisen darauf hin, dass bspw. laut nationaler Richtlinien in Großbritannien eine Höchstzahl von 28 Geburten im Jahr pro Vollzeithebamme in einer Klinik noch als sicher gilt (Quelle NICE) – allerdings betreuen diese Hebammen nur Geburten und es müssen keine zusätzlichen Arbeitszeiten für Vorsorge, Kurse und Wochenbettbetreuung oder Rufbereitschaften kalkuliert werden. Die Betreuung von deutlich mehr als zwei Frauen pro Monat, inklusive Vorsorge, Nachsorge, Kursen und Rufbereitschaft zur Geburt, scheint aus unserer Sicht als betreute Eltern, nicht erstrebenswert und führt nachweislich zu keiner Qualitätsverbesserung in der Geburtshilfe.

Die Gefahr besteht, dass auf Initiative der Kassen die Mindestanforderungen so gestaltet werden, dass die außerklinischen Hebammen zur Aufgabe gezwungen werden. Die im BfHD organisierten rund 1.000 Hebammen werden nach jetzigem Stand an diesem Zuschlag ohnehin nicht partizipieren können, weil für sie ab Mitte 2015 mangels Versicherer kein Versicherungsschutz mehr gegeben ist

Des Weiteren sollen die Sozialversicherer dazu verpflichtet werden, ihre Regressforderungen nicht mehr bei den Krankenkassen anzumelden, die diese bei der Berufshaftpflichtversicherung der Hebamme einfordern. Damit könnte ein Sinken der Versicherungsprämie einhergehen.

Zu diesen beiden Punkten wolle der Bundesgesundheitsminister noch in diesem Jahr entsprechende Gesetzesänderungen auf den Weg bringen. „Sollte dies wirklich so umgesetzt werden und eine entsprechende Verankerung im Gesetz stattfinden, gibt das den Hebammen wenigstens etwas Sicherheit“, so Grimm. „Aber damit ist die Situation noch nicht abschließend gelöst.“

Wahlfreiheit soll bleiben

Zudem sicherte Gröhe zu, dass die Wahlfreiheit weiterhin erhalten bleiben solle. Auch wenn seiner Meinung nach die außerklinische Geburtshilfe nur von einer kleiner Minderheit eingefordert würde.

„Sicher ist das so“, sagt Grimm. „Letzlich geht es um mehr als die 2% der Hausgeburten. Vielmehr wäre es ebenfalls wichtig zuzugeben, dass sowohl die klinische als auch die außerklinische Geburtshilfe schon heute nicht mehr flächendeckend und bedarfsgerecht angeboten wird. Es bedarf weiteren Anstrengungen alle Akteure zur Verbesserung dieser Situation.“

Falls die Bundesregierung sich von diesen Daten und unseren Sorgen nicht überzeugen lässt, so weisen wir darauf hin, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im sogenannten Ternovsky-Urteil bereits 2010 entschieden hat, dass die europäischen Mitgliedsstaaten unter Bezug auf Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention dazu verpflichtet sind, das Recht der Gebärenden auf die freie Wahl des Geburtsortes und der Geburtsbegleitung zu garantieren. Falls der deutsche Staat sich nicht in der Lage sehen sollte, uns dieses Grundrecht zu gewährleisten, so werden wir rechtliche Schritte in Straßburg einleiten.

 

Hebammen-Unterstützung.de

Egal wo die Geburt eines Kindes stattfindet, werdende Mütter bzw. Eltern brauchen dabei eine Hebamme. Sie wollen dabei eine Hebamme. Sie wollen die Betreuung bei der Geburt, die ihnen zusteht – eine 1:1-Betreuung, die nachweislich zu weniger Interventionen und einem besseren Outcome für Mutter und Kind führt.

Und sie wollen weiterhin die Wahlfreiheit, ob ihr Kind im Krankenhaus, im Geburtshaus oder zu Hause auf die Welt kommen soll.

So hat sich die Elterninitiative „Hebammen-Unterstützung.de“ am 14.2.2014 gegründet. Die mittlerweile über 16.000 Mitglieder der facebook-Gruppe organisieren seitdem bundesweit Protestaktionen für den Erhalt der Hebammen. Insgesamt haben schon über 40 Demonstrationen, Mahnwachen, Flashmobs und Infostände stattgefunden, an denen sich über 25.000 Menschen beteiligten.

Die Forderungen:

  • Wir fordern das Recht auf die selbstbestimmte Geburt mit der freien Wahl des Geburtsortes sowie der Begleitung durch eine Bezugshebamme im Schlüssel von 1:1!
  • Wir fordern die Neuausrichtung der Schwangerenvorsorge!
  • Wir fordern eine Neuausrichtung der klinischen Geburtsbegleitung!
  • Wir fordern ein Vergütungssystem, das geringere medizinische Interventionen prämiert!
  • Wir fordern den Erhalt und Ausbau der häuslichen Wochenbettbetreuung durch frei gewählte Hebammen!
  • Wir fordern die Einrichtung eines Haftungsfonds für alle Gesundheitsberufe!

(http://www.hebammenunterstuetzung.de/pressemitteilungen/2014/5/4/presseinformation-nderungen-fr-hebammen-mglich)

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Elternforderungen – was wir fordern und warum

1. Wir fordern das Recht auf die selbstbestimmte Geburt mit der freien Wahl des Geburtsortes sowie der Begleitung durch eine Bezugshebamme im Schlüssel von 1:1!

Begründung:  Alle Geburtswünsche einer Frau sollen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Alle Beteiligten erkennen die Kompetenz der Frau für ihre Schwangerschaft und Geburt sowie das Wohlergehen ihres Kindes an und arbeiten daran, diese ausdrücklich zu bestärken. Derzeit ist das Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes sowie die Begleitung der Geburt durch eine Hebamme lediglich indirekt im § 24 f des fünften Sozialgesetzbuches geregelt. Das SGB fasst an dieser Stelle den, durch Verhandlungen zwischen den Berufsverbänden der Hebammen mit den Krankenkassen und Sozialversicherern, entstandenen Kompromiss zusammen. Die gebärende Frau ist in diesem Text Vehikel: Sie wird als „Frau/Mutter/Gebärende“ o.ä. nicht einmal benannt. Lediglich von „der Versicherten“ ist die Rede. Ursache für die Übernahme aus der Reichsversichertenverordnung in das Sozialgesetzbuch waren Vergütungsverhandlungen. Wir wollen erreichen, dass die Politik anerkennt: Kinder sind zentraler Bestandteil des Fortbestehens unseres Landes. Kinder müssen geboren werden. Daher haben Schwangerschaft und Geburt eine weitreichende Funktion bis tief in alle Gesellschaftsschichten hinein. Im sogenannten Ternovsky-Urteil hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bereits 2010 entschieden, dass die europäischen Mitgliedsstaaten unter Bezug auf Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention dazu verpflichtet sind, das Recht der Frauen auf die freie Wahl des Geburtsortes und der Geburtsbegleitung zu garantieren. Dies kann demzufolge nicht allein Bestandteil einer gesetzlich festgelegten Vereinbarung zwischen den Interessenvertretungen der Hebammen und den Versicherern sein. Zudem scheinen marktwirtschaftliche Erwägungen und unmittelbare Abhängigkeiten im bestehenden System zu einer Hinwendung in die Klinisierung von Geburten zu führen, was hinsichtlich der freien und selbstbestimmten Geburt zur faktischen Aushebelung der bestehenden gesetzlichen Grundlage führen muss. Aus unserer Sicht muss daher dringend eine Vereinbarung zwischen dem Staat und seinen Bürgerinnen getroffen werden.

 

2. Wir fordern die Neuausrichtung der Schwangerenvorsorge!

Begründung:
Die Vorsorge durch Ärzte und Hebammen sollte gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Bundesregierung muss angemessene Maßnahmen treffen, um die Bevölkerung über die Möglichkeit,Vorzüge und Grenzen einer Vorsorge durch Hebammen aufzuklären. Gleichzeitig müssen ausreichend Anreize zur Niederlassung von Hebammen in der Fläche gesetzt werden, um das an den meisten Orten derzeit unzureichende Versorgungsangebot wieder zu stärken. Auf diese Weise wird den Schwangeren darüber hinaus niederschwellig der dauerhafte Kontakt zu einer Hebamme ihres Vertrauens ermöglicht, die diese als Bezugshebamme unter Umständen ebenfalls durch Geburt und Wochenbett begleitet. Abgesehen von Frauen mit gravierenden medizinischen oder geburtshilflichen Komplikationen, ist für die allermeisten Frauen die 1:1-Betreuung durch eine Bezugshebamme (von der Feststellung der Schwangerschaft über die Geburt bis hinein in das Wochenbett) die beste Wahl – weniger PDAs, weniger Episiotomien, weniger operative Geburten, etc. Zudem ließ sich im Vergleich zu anderen Betreuungsmodellen eine deutliche kostensenkende Tendenz nachzeichnen (Cochrane Review 2013; DOI: 10.1002/14651858.CD004667.pub3).

3. Wir fordern eine Neuausrichtung der klinischen Geburtsbegleitung!

Begründung:
Im Vordergrund soll die Frau mit dem natürlichen Prozess der Geburt stehen. Eine Begleitung mit einem Betreuungsschlüssel von 1:1 unter der Geburt kann auch hier zu besseren Ergebnissen der Gesundheit von Mutter und Kind führen. Die Unterbrechung der Betreuung einer Frau während der Geburt aufgrund eines Schichtwechsels durch das Gesundheits- und Pflegepersonal kann zu Komplikationen wie Geburtsstillständen, früheren Interventionen etc. führen. Im Sinne der Gesundheit der Gebärenden sowie der Kinder sollten daher Modelle erprobt werden, die eine Bezugsbetreuung auch in der klinischen Geburtshilfe ermöglichen.

 

4. Wir fordern ein Vergütungssystem, das geringere medizinische Interventionen prämiert!

Begründung:
Derzeit gilt in der Geburtshilfe: Je mehr Intervention, desto mehr Verdienst. Ein Gesundheitssystem, dass auf die Erwirtschaftung von Gewinnen ausgerichtet ist, kann nicht anders reagieren, als den Gewinn zu maximieren. Die Bundesregierung sollte Anreize schaffen, diese Spirale aus Interventionen im Sinne der Frauen und Kinder zu durchbrechen.

 

5. Wir fordern den Erhalt und Ausbau der häuslichen Wochenbettbetreuung durch frei gewählte Hebammen!

Begründung:
Hebammen spielen in der Betreuung der Frauen und Kinder nach der Geburt eine wichtige Rolle. Sie kontrollieren Gesundheit von Mutter und Kind. Sie beobachten als vertraute Kontaktperson das Gedeihen des Kindes über einen längeren Zeitraum und begleiten die Familien bei ihren ersten Schritten in der Häuslichkeit. Sie sind ein wichtiger Faktor für den Bestand einer funktionierenden Stillbeziehung, welche anerkannt ausschließlich Vorteile für Mutter und Kind bringt. Fachlich geschult erkennen sie rechtzeitig mögliche Komplikationen wie Wochenbettdepressionen u.a..

 

6. Wir fordern die Einrichtung eines Haftungsfonds für alle Gesundheitsberufe!

Begründung:
Nicht nur Hebammen, auch Ärzte und andere Anbieter von Gesundheitsleistungen sind zur Haftung gesetzlich verpflichtet. Diese muss für aber alle Berufe leistbar sein, ohne dass damit individuelle Existenzen auf dem Spiel stehen. Wir fordern die Einrichtung einer angemessenen und tragbaren Haftungsobergrenze für alle Gesundheitsberufe und die Einrichtung eines staatlichen Fonds. Somit kann einerseits das individuelle Risiko der Gesundheitsdienstleister in einen tragbaren Rahmen gegeben werden, andererseits aber den berechtigten Ansprüche der Geschädigten entsprochen werden. Extreme Risiken in notwendigen Gesundheitsdienstleistungsbereichen müssen gesamtgesellschaftlich und solidarisch aufgefangen werden, um die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung sichern zu können. Ein geburtshilfliches Angebot sollte innerhalb von 20 Minuten erreichbar sein.

(https://www.happybirthday-deutschland.de/2014/04/elternprotest-elternforderungen/)

KEIN WEG ZU WEIT

Liebe Leute – eine weitere großartige Aktion zur Rettung unserer Hebammen hat heute begonnen: Heute hat Bianca Kasting rund 500 km lange Aufklärungstour mit dem Fahrrad unter dem Motto „Der Bundestag gebärt Blödsinn – Eltern eilen zur Nachsorge“ quer durchs Land begonnen. Erwartet wird Bianca mitsamt Fahrradgefolge am 12. April zur großen Demo in Berlin vor dem Bundeskanzleramt. Wir finden  das großartig und fordern euch alle auf: kommt auch nach Berlin und teilt diese Information!

Hier kannst du Biancas Tour verfolgen: https://www.facebook.com/keinwegzuweit