Anhörung von Hebamme Sabine Schmuck vor dem Petitionsausschnuss des Bundestags

http://www.bundestag.de/mediathek/?action=search&ids=3556003&instance=m187&mask=search&contentArea=details

SZ-Artikel: http://www.sueddeutsche.de/politik/versicherungskosten-fuer-hebammen-das-wird-tote-geben-1.2012671-2

„Schmuck will ohnehin ein ganz anderes System, weg von einer Berufshaftpflicht, die von Versicherungskonzerne angeboten wird. Sie will einen Haftungsfonds, der am besten aus Steuergeld gespeist wird. Grüne und Linke sind mit ihr auf einer Linie. Die große Koalition aber tut sich schwer mit der Idee. Sie will ihr Ziel eines ausgeglichenen Bundeshaushaltes nicht aus dem Blick verlieren. Die SPD kann der Idee zwar etwas abgewinnen – denkt sogar über einen Haftungsfonds für alle Heilberufe nach. Aber dafür müssten womöglich Steuern erhöht werden. Das will die Union unter allen Umständen vermeiden.

Vielleicht hilft diese Zahl den Politikern bei der Entscheidungsfindung: Deutschlandweit werden jedes Jahr etwa 700 000 Kinder geboren. Bei ungefähr 50 kommt es zu Schädigungen, für die die Berufshaftpflichtversicherungen der Hebammen eintreten müssen. Es geht um insgesamt etwas mehr als sechs Millionen Euro. Eine geradezu lächerlich geringe Summe angesichts des Bundeshaushaltes, der diese Woche mit einem Volumen von knapp 300 Milliarden Euro beschlossen wird.

„Die Frage ist“, sagt Schmuck, „wer die Verantwortung trägt“. Für sie ist die Antwort eindeutig: „Das geht uns alle an.““

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Viele Kliniken finden keine Haftpflichtversicherung

Viele Kliniken finden keine Haftpflichtversicherung

Die Klinikhebammen trifft es auch! Ohne Geburtsstation kein Job.

„“Zum Teil wurden die Beiträge um weit mehr als 100 Prozent angehoben“, sagt Franz-Michael Petry, Geschäftsführer der Ecclesia GmbH, Deutschlands größtem Versicherungsmakler im Krankenhausbereich.“

„Seit einigen Monaten machen die Träger der 2400 Krankenhäuser in Deutschland die Erfahrungen, die vor ihnen bereits die freiberuflichen Hebammen gemacht hatten. Weil im Gesundheitssektor die Schadenssummen seit einigen Jahren hochschnellen, folgen mit Verzögerung nun die Beiträge für die Versicherung. Die Krankenhäuser bleiben auf den Mehrbelastungen in zum Teil sechsstelliger Höhe sitzen.“

„In der Konsequenz heißt dies, dass ein Krankenhaus mit Geburtshilfe ein höheres Risiko hat und deshalb deutlich höhere Beiträge als Krankenhäuser ohne Geburtshilfe zahlt. Dies ist einer der Gründe, weshalb die Zahl der Krankenhäuser mit Geburtshilfeabteilung sinkt. Seit 1991 hat sie sich nahezu halbiert. Es ist eine Frage der Zeit, bis weitere Geburtshilfestationen schließen.“

Elternforderungen – was wir fordern und warum

1. Wir fordern das Recht auf die selbstbestimmte Geburt mit der freien Wahl des Geburtsortes sowie der Begleitung durch eine Bezugshebamme im Schlüssel von 1:1!

Begründung:  Alle Geburtswünsche einer Frau sollen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Alle Beteiligten erkennen die Kompetenz der Frau für ihre Schwangerschaft und Geburt sowie das Wohlergehen ihres Kindes an und arbeiten daran, diese ausdrücklich zu bestärken. Derzeit ist das Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes sowie die Begleitung der Geburt durch eine Hebamme lediglich indirekt im § 24 f des fünften Sozialgesetzbuches geregelt. Das SGB fasst an dieser Stelle den, durch Verhandlungen zwischen den Berufsverbänden der Hebammen mit den Krankenkassen und Sozialversicherern, entstandenen Kompromiss zusammen. Die gebärende Frau ist in diesem Text Vehikel: Sie wird als „Frau/Mutter/Gebärende“ o.ä. nicht einmal benannt. Lediglich von „der Versicherten“ ist die Rede. Ursache für die Übernahme aus der Reichsversichertenverordnung in das Sozialgesetzbuch waren Vergütungsverhandlungen. Wir wollen erreichen, dass die Politik anerkennt: Kinder sind zentraler Bestandteil des Fortbestehens unseres Landes. Kinder müssen geboren werden. Daher haben Schwangerschaft und Geburt eine weitreichende Funktion bis tief in alle Gesellschaftsschichten hinein. Im sogenannten Ternovsky-Urteil hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bereits 2010 entschieden, dass die europäischen Mitgliedsstaaten unter Bezug auf Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention dazu verpflichtet sind, das Recht der Frauen auf die freie Wahl des Geburtsortes und der Geburtsbegleitung zu garantieren. Dies kann demzufolge nicht allein Bestandteil einer gesetzlich festgelegten Vereinbarung zwischen den Interessenvertretungen der Hebammen und den Versicherern sein. Zudem scheinen marktwirtschaftliche Erwägungen und unmittelbare Abhängigkeiten im bestehenden System zu einer Hinwendung in die Klinisierung von Geburten zu führen, was hinsichtlich der freien und selbstbestimmten Geburt zur faktischen Aushebelung der bestehenden gesetzlichen Grundlage führen muss. Aus unserer Sicht muss daher dringend eine Vereinbarung zwischen dem Staat und seinen Bürgerinnen getroffen werden.

 

2. Wir fordern die Neuausrichtung der Schwangerenvorsorge!

Begründung:
Die Vorsorge durch Ärzte und Hebammen sollte gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Bundesregierung muss angemessene Maßnahmen treffen, um die Bevölkerung über die Möglichkeit,Vorzüge und Grenzen einer Vorsorge durch Hebammen aufzuklären. Gleichzeitig müssen ausreichend Anreize zur Niederlassung von Hebammen in der Fläche gesetzt werden, um das an den meisten Orten derzeit unzureichende Versorgungsangebot wieder zu stärken. Auf diese Weise wird den Schwangeren darüber hinaus niederschwellig der dauerhafte Kontakt zu einer Hebamme ihres Vertrauens ermöglicht, die diese als Bezugshebamme unter Umständen ebenfalls durch Geburt und Wochenbett begleitet. Abgesehen von Frauen mit gravierenden medizinischen oder geburtshilflichen Komplikationen, ist für die allermeisten Frauen die 1:1-Betreuung durch eine Bezugshebamme (von der Feststellung der Schwangerschaft über die Geburt bis hinein in das Wochenbett) die beste Wahl – weniger PDAs, weniger Episiotomien, weniger operative Geburten, etc. Zudem ließ sich im Vergleich zu anderen Betreuungsmodellen eine deutliche kostensenkende Tendenz nachzeichnen (Cochrane Review 2013; DOI: 10.1002/14651858.CD004667.pub3).

3. Wir fordern eine Neuausrichtung der klinischen Geburtsbegleitung!

Begründung:
Im Vordergrund soll die Frau mit dem natürlichen Prozess der Geburt stehen. Eine Begleitung mit einem Betreuungsschlüssel von 1:1 unter der Geburt kann auch hier zu besseren Ergebnissen der Gesundheit von Mutter und Kind führen. Die Unterbrechung der Betreuung einer Frau während der Geburt aufgrund eines Schichtwechsels durch das Gesundheits- und Pflegepersonal kann zu Komplikationen wie Geburtsstillständen, früheren Interventionen etc. führen. Im Sinne der Gesundheit der Gebärenden sowie der Kinder sollten daher Modelle erprobt werden, die eine Bezugsbetreuung auch in der klinischen Geburtshilfe ermöglichen.

 

4. Wir fordern ein Vergütungssystem, das geringere medizinische Interventionen prämiert!

Begründung:
Derzeit gilt in der Geburtshilfe: Je mehr Intervention, desto mehr Verdienst. Ein Gesundheitssystem, dass auf die Erwirtschaftung von Gewinnen ausgerichtet ist, kann nicht anders reagieren, als den Gewinn zu maximieren. Die Bundesregierung sollte Anreize schaffen, diese Spirale aus Interventionen im Sinne der Frauen und Kinder zu durchbrechen.

 

5. Wir fordern den Erhalt und Ausbau der häuslichen Wochenbettbetreuung durch frei gewählte Hebammen!

Begründung:
Hebammen spielen in der Betreuung der Frauen und Kinder nach der Geburt eine wichtige Rolle. Sie kontrollieren Gesundheit von Mutter und Kind. Sie beobachten als vertraute Kontaktperson das Gedeihen des Kindes über einen längeren Zeitraum und begleiten die Familien bei ihren ersten Schritten in der Häuslichkeit. Sie sind ein wichtiger Faktor für den Bestand einer funktionierenden Stillbeziehung, welche anerkannt ausschließlich Vorteile für Mutter und Kind bringt. Fachlich geschult erkennen sie rechtzeitig mögliche Komplikationen wie Wochenbettdepressionen u.a..

 

6. Wir fordern die Einrichtung eines Haftungsfonds für alle Gesundheitsberufe!

Begründung:
Nicht nur Hebammen, auch Ärzte und andere Anbieter von Gesundheitsleistungen sind zur Haftung gesetzlich verpflichtet. Diese muss für aber alle Berufe leistbar sein, ohne dass damit individuelle Existenzen auf dem Spiel stehen. Wir fordern die Einrichtung einer angemessenen und tragbaren Haftungsobergrenze für alle Gesundheitsberufe und die Einrichtung eines staatlichen Fonds. Somit kann einerseits das individuelle Risiko der Gesundheitsdienstleister in einen tragbaren Rahmen gegeben werden, andererseits aber den berechtigten Ansprüche der Geschädigten entsprochen werden. Extreme Risiken in notwendigen Gesundheitsdienstleistungsbereichen müssen gesamtgesellschaftlich und solidarisch aufgefangen werden, um die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung sichern zu können. Ein geburtshilfliches Angebot sollte innerhalb von 20 Minuten erreichbar sein.

(https://www.happybirthday-deutschland.de/2014/04/elternprotest-elternforderungen/)