Anhörung des Gesundheitsausschusses

http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2015/kw13_pa_gesundheit_hebammen/364496

Sitzung des Gesundheitsausschusses des Bundestags, 25. 03. 2015 (60Min.)

Anträge LINKE und GRÜNE: Zukunft der Hebammen und Entbindungspfleger

Politiker des Gesaundheitsausschusses stellen unterschiedlichen Experten Fragen.

Hier sind die Äußerungen der Experten zusammengefasst:

Gesamtverband der Deutschen Versicherungsgesellschaft:

  • Regressverzicht gäbe es nur für einfach fahrlässiges Verhalten, nicht für grob fahrlässiges. Die Entlastung vom Gesamtschadensaufwand würde damit 5% betragen, es gäbe also praktisch keine Entlastungswirkung. Dafür käme eine neue Streitfrage auf, nämlich die, ob das Verhalten einfach oder grob fahrlässig war. Wünschenswert ist ein Regressverzicht für alle Fälle der Fahrlässigkeit.
  • Es soll weiterhin eine Versicherung angeboten werden, gewünscht ist jedoch von Seiten der Versicherer, dass das Verlustrisiko stärker ausgeschlossen werden kann.
  • Es gibt keine Untersuchung dazu, ob der Geburtsort mit der Anzahl der Schadensfälle korreliert. Tritt ein Schaden ein, dann ist seine Höhe unabhängig vom Geburtsort gleich. Insgesamt treten sehr wenige Schäden auf.

Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe

  • Schadensfälle lassen sich verhindern, indem die Möglichkeit für freiwilligen und anonymen Austausch über Fehler und Beinahefehler in der Geburtshilfe ermöglicht wird.
  • Qualität in der Geburtshilfe lässt sich wesentlich durch 1:1 Betreuung verbessern. Fortbildungen und Notfalltraining sind weitere Maßnahmen.

Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen:

  • Es muss eine Abwägung der Entscheidungsfreiheit der Mutter und der Gesundheit des Kindes geben. Frauen dürfen nicht die Gesundheit des Kindes riskieren, um am Ort ihrer Wahl zu entbinden. Es ist eine Gleichwertigkeit der Gesundheit von Mutter und Kind gewünscht. Das Gesetz sollte diese verankern.
  • Regressverzicht soll nicht für Beleghebammen gelten, um Krankenhäusern den Anreiz zu nehmen, die Hebammen in die Freiberuflichkeit zu drängen, und da in der Klinik nur schwer möglich ist, zwischen Schuld des Arztes und Schuld der Hebamme zu unterscheiden.
  • Es gibt keine Untersuchung dazu, ob die Häufigkeit von Schadensfällen zunimmt, wenn Hebammen nur wenige Geburten im Jahr betreuen.
  • Die Versicherung ohne Geburtshilfe ist mit 400€ im Jahr kein Problem, die Nachsorge ist also nicht gefährdet. Die Versicherung mit Geburtshilfe kostet 6300€ im Jahr. 2012 wurde ausgerechnet, dass Hebammen im Mittel 41€/Stunde verdienen, heute sind es 45€, also haben sie bei Vollzeit ein Jahreseinkommen von 77.000€. Die Vergütung steigt im Sommer im 5%.

Deutscher Hebammenverband

  • Es gibt wöchentliche Verhandlungen, einziger Streitpunkt sind noch die Ausschlusskriterien. Eine Frau darf nicht übergangen werden. Frauen sollen nicht entmündigt werden. Die Hebammen wissen, dass sie die Verantwortung für Mutter und Kind tragen. Die Ausschlusskriterien sind nicht evidenzbasiert und haben damit keine Aussagekraft bezüglich der Risikogewichtung. Es wird die Möglichkeit der individuellen Anpassung der Kriterien an den Gesundheitszustand der Frau gefordert, dazu benötigt es Beratungsgespräche. Frauen müssen individuell betrachtet werden, da die Risiken individuell sind. Nur dann sind Ausschlusskriterien ein Sicherheitsinstrument. Eine Entmündigung nicht nicht notwendig.
  • Es gibt keine Zahlen dazu, wie die Situation in der Vor- und Nachsorge aussieht. Es gibt nur unzählige Berichte darüber, dass Frauen keine Hebamme finden, sowohl ländlich, als auch städtisch. Besonders bei der 1:1 Betreuung in Kliniken übersteigt die Nachfrage das Angebot sehr. Die Bedingungen in der Nachsorge sind katatrophal. Eine Bedarfplanung ist unbedingt notwendig. Die Vergütung ist der Verantwortung und dem Aufwand nicht angemessen und es besteht keine Planungssicherheit.

Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands

  • Hebammen betreuen Frauen von Beginn der Schwangerschaft bis über 1. Lebensjahr des Kindes hinaus. Diese gesamtgesellschaftliche Bedeutung verdient es, auch in ihrer Verantwortung wahrgenommen zu werden. Die Schwierigkeiten des Berufsbildes sollten daher von der Gesellschaft getragen werden (Stichwort Haftungsfond). Hebammenversorgung ist ein Anrecht, das flächendeckend verwirklicht werden sollte.

BKK-Dachverband

  • Grundsätze der Unfallversicherung für die Haftpflichtversicherung zu übernehmen wäre sinnvoll. Die Unfallversicherung leistet viel Präventionsarbeit. Eine Versicherung einer größeren Gruppe wäre möglich. Regressbeschränkung löst nichts.

Deutsche gesetzliche Unfallversicherung

  • Eine Eingliederung der Haftpflichtversicherung in die Unfallversicherung macht keinen Sinn. Eine Übernahme wesentlicher Prinzipien wird skeptisch gesehen: auch der Beitrag der Unfallversicherung richtet sich nach dem Risiko, sodass die Hebammen weiterhin stark belastet wären.

Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft:

  • Die Anzahl der außerklinisch gebärenden Frauen scheint vom gesteigenen Gebäralter der Frauen und von der stärkeren Inanspruchnahme der Pränataldiagnostik unabhängig zu sein. Eine gesellschaftliche Akzeptanz der Hebammen als Primärversorger und eine Selbstverständlichkeit der Hebammenbetreuung würde sich positiv auf die Anzahl der außerklinischen Geburten auswirken.

Hebammen für Deutschland

  • Wir haben keine sichere Geburtshilfe. Die Zustände in den Kreißsälen sind katastrophal (mit Beispiel). Es gibt immer weniger Krankehäuser mit Geburtsstation. Bremen kann nicht alle seine Frauen betreuen. Ein Regressverzicht, der nach Grad der Fahrlässigkeit unterscheidet, setzt an der falschen Stelle an. Es ist notwendig, für mehr Sicherheit zu sorgen, also für mehr Hebammen in der Betreuung. Dazu müssen unter anderem Hebammen von fachfremden Tätigkeiten entbunden werden.

Deutsche Krankenhausgesellschaft:

  • 1:1 Betreuung in der Geburtshilfe ist wünschenswert, aber nicht wirtschaftlich. An ihre Stelle tritt eine zweckmäßige Betreuung. Bei Hebammen gibt es sowieso einen Personalmangel von 20%. Eine 1.1 Betreuung ist daher nicht möglich.
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