Elternforderungen – was wir fordern und warum

1. Wir fordern das Recht auf die selbstbestimmte Geburt mit der freien Wahl des Geburtsortes sowie der Begleitung durch eine Bezugshebamme im Schlüssel von 1:1!

Begründung:  Alle Geburtswünsche einer Frau sollen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Alle Beteiligten erkennen die Kompetenz der Frau für ihre Schwangerschaft und Geburt sowie das Wohlergehen ihres Kindes an und arbeiten daran, diese ausdrücklich zu bestärken. Derzeit ist das Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes sowie die Begleitung der Geburt durch eine Hebamme lediglich indirekt im § 24 f des fünften Sozialgesetzbuches geregelt. Das SGB fasst an dieser Stelle den, durch Verhandlungen zwischen den Berufsverbänden der Hebammen mit den Krankenkassen und Sozialversicherern, entstandenen Kompromiss zusammen. Die gebärende Frau ist in diesem Text Vehikel: Sie wird als „Frau/Mutter/Gebärende“ o.ä. nicht einmal benannt. Lediglich von „der Versicherten“ ist die Rede. Ursache für die Übernahme aus der Reichsversichertenverordnung in das Sozialgesetzbuch waren Vergütungsverhandlungen. Wir wollen erreichen, dass die Politik anerkennt: Kinder sind zentraler Bestandteil des Fortbestehens unseres Landes. Kinder müssen geboren werden. Daher haben Schwangerschaft und Geburt eine weitreichende Funktion bis tief in alle Gesellschaftsschichten hinein. Im sogenannten Ternovsky-Urteil hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bereits 2010 entschieden, dass die europäischen Mitgliedsstaaten unter Bezug auf Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention dazu verpflichtet sind, das Recht der Frauen auf die freie Wahl des Geburtsortes und der Geburtsbegleitung zu garantieren. Dies kann demzufolge nicht allein Bestandteil einer gesetzlich festgelegten Vereinbarung zwischen den Interessenvertretungen der Hebammen und den Versicherern sein. Zudem scheinen marktwirtschaftliche Erwägungen und unmittelbare Abhängigkeiten im bestehenden System zu einer Hinwendung in die Klinisierung von Geburten zu führen, was hinsichtlich der freien und selbstbestimmten Geburt zur faktischen Aushebelung der bestehenden gesetzlichen Grundlage führen muss. Aus unserer Sicht muss daher dringend eine Vereinbarung zwischen dem Staat und seinen Bürgerinnen getroffen werden.

 

2. Wir fordern die Neuausrichtung der Schwangerenvorsorge!

Begründung:
Die Vorsorge durch Ärzte und Hebammen sollte gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Bundesregierung muss angemessene Maßnahmen treffen, um die Bevölkerung über die Möglichkeit,Vorzüge und Grenzen einer Vorsorge durch Hebammen aufzuklären. Gleichzeitig müssen ausreichend Anreize zur Niederlassung von Hebammen in der Fläche gesetzt werden, um das an den meisten Orten derzeit unzureichende Versorgungsangebot wieder zu stärken. Auf diese Weise wird den Schwangeren darüber hinaus niederschwellig der dauerhafte Kontakt zu einer Hebamme ihres Vertrauens ermöglicht, die diese als Bezugshebamme unter Umständen ebenfalls durch Geburt und Wochenbett begleitet. Abgesehen von Frauen mit gravierenden medizinischen oder geburtshilflichen Komplikationen, ist für die allermeisten Frauen die 1:1-Betreuung durch eine Bezugshebamme (von der Feststellung der Schwangerschaft über die Geburt bis hinein in das Wochenbett) die beste Wahl – weniger PDAs, weniger Episiotomien, weniger operative Geburten, etc. Zudem ließ sich im Vergleich zu anderen Betreuungsmodellen eine deutliche kostensenkende Tendenz nachzeichnen (Cochrane Review 2013; DOI: 10.1002/14651858.CD004667.pub3).

3. Wir fordern eine Neuausrichtung der klinischen Geburtsbegleitung!

Begründung:
Im Vordergrund soll die Frau mit dem natürlichen Prozess der Geburt stehen. Eine Begleitung mit einem Betreuungsschlüssel von 1:1 unter der Geburt kann auch hier zu besseren Ergebnissen der Gesundheit von Mutter und Kind führen. Die Unterbrechung der Betreuung einer Frau während der Geburt aufgrund eines Schichtwechsels durch das Gesundheits- und Pflegepersonal kann zu Komplikationen wie Geburtsstillständen, früheren Interventionen etc. führen. Im Sinne der Gesundheit der Gebärenden sowie der Kinder sollten daher Modelle erprobt werden, die eine Bezugsbetreuung auch in der klinischen Geburtshilfe ermöglichen.

 

4. Wir fordern ein Vergütungssystem, das geringere medizinische Interventionen prämiert!

Begründung:
Derzeit gilt in der Geburtshilfe: Je mehr Intervention, desto mehr Verdienst. Ein Gesundheitssystem, dass auf die Erwirtschaftung von Gewinnen ausgerichtet ist, kann nicht anders reagieren, als den Gewinn zu maximieren. Die Bundesregierung sollte Anreize schaffen, diese Spirale aus Interventionen im Sinne der Frauen und Kinder zu durchbrechen.

 

5. Wir fordern den Erhalt und Ausbau der häuslichen Wochenbettbetreuung durch frei gewählte Hebammen!

Begründung:
Hebammen spielen in der Betreuung der Frauen und Kinder nach der Geburt eine wichtige Rolle. Sie kontrollieren Gesundheit von Mutter und Kind. Sie beobachten als vertraute Kontaktperson das Gedeihen des Kindes über einen längeren Zeitraum und begleiten die Familien bei ihren ersten Schritten in der Häuslichkeit. Sie sind ein wichtiger Faktor für den Bestand einer funktionierenden Stillbeziehung, welche anerkannt ausschließlich Vorteile für Mutter und Kind bringt. Fachlich geschult erkennen sie rechtzeitig mögliche Komplikationen wie Wochenbettdepressionen u.a..

 

6. Wir fordern die Einrichtung eines Haftungsfonds für alle Gesundheitsberufe!

Begründung:
Nicht nur Hebammen, auch Ärzte und andere Anbieter von Gesundheitsleistungen sind zur Haftung gesetzlich verpflichtet. Diese muss für aber alle Berufe leistbar sein, ohne dass damit individuelle Existenzen auf dem Spiel stehen. Wir fordern die Einrichtung einer angemessenen und tragbaren Haftungsobergrenze für alle Gesundheitsberufe und die Einrichtung eines staatlichen Fonds. Somit kann einerseits das individuelle Risiko der Gesundheitsdienstleister in einen tragbaren Rahmen gegeben werden, andererseits aber den berechtigten Ansprüche der Geschädigten entsprochen werden. Extreme Risiken in notwendigen Gesundheitsdienstleistungsbereichen müssen gesamtgesellschaftlich und solidarisch aufgefangen werden, um die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung sichern zu können. Ein geburtshilfliches Angebot sollte innerhalb von 20 Minuten erreichbar sein.

(https://www.happybirthday-deutschland.de/2014/04/elternprotest-elternforderungen/)

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